Reisebericht Teil 7

Strecke im Kelani-Tal

 

 

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Sonntag, 11. April (Fortsetzung)

Colombo-Maradana - Avissawella - Katunayaka

Nach Plan ist die Reise an Bord des Viceroy mit der Ankunft in Maradana beendet. Nach ursprünglichen Plan wollen wir mit dem Schmalspurdampftriebwagen zum Abschluß der Tour die Kelani-Valley-Line befahren.

Die Strecke durchs Kelani-Tal war ursprünglich ein 2' 6"-Schmalspurstrecke (762mm). In den letzten Jahren wurde sie, soweit noch existent, komplett auf Breitspur umgebaut, wobei die schmale Spur erhalten blieb. So ist die ganze Strecke mit Drei-Schienengleis ausgerüstet. Einen regelmäßigen Schmalspurbetrieb gibt es aber nicht mehr. Zu den Schätzen von Sri Lanka Railways gehört allerdings der letzte betriebsfähige Schmalspur-Dampftriebwagen der englischen Firma Sentinel aus dem Jahre 1928. Und für Sonderfahrten mit diesem Triebwagen soll die schmale Spur auch erhalten bleiben.

Schon am ersten Tag, den wir beiden Deutschen durch die Verspätung unseres Flugzeuges leider verpaßt haben, hatte sich herausgestellt, daß der Dampftriebwagen zwar im besten Zustand ist, die Gleisverbindung zwischen dem Depot von Dematoga und der Kelani-Strecke jedoch nicht befahrbar ist.

Mit Schmalspur wird also nichts. Stattdessen steht ein Breitspurzug mit normalen Reisezugwagen und Nr. 240 bereit, der Lok, die wir schon auf der Küstenstrecke hatten.

Da auch der zweite Versuch, auf diese Strecke zu gelangen, am letzten Montag wegen Verspätung des Viceroy wieder gescheitert war, will die Reiseleitung sich mit dem heutigen Angebot noch nicht zufrieden geben, schließlich waren auch die ausgefallenen Fahrten ja bereits im Vorfeld bezahlt worden. Und da man komplizierte Kostenerstattungsklimmzüge vermeiden will, einigt man sich darauf, den komfortableren Viceroy auch für den Rest des Tages zu verwenden. Die Mannschaft des Viceroy, von der wir uns bereits verabschiedet haben, wird reaktiviert. Dort nimmt man nimmt es gelassen, auf die paar zusätzlichen Stunden komme es nun auch nicht mehr an.

Die Verhandlung über den Einsatz des Viceroy dauert etwas länger. Während dieser Zeit besteht Gelegenheit, im Bereich des Depots von Dematoga mit dem Sentinel-Triebwagen hin- und herzufahren. Dieser Triebwagen hat zwei gleichwertige Führerstände, Regler und Steuerung sind über Gestänge miteinander verbunden. Hinter einem Führerstand befindet sich der Kesselraum; der Triebwagen ist kohlegefeuert. Die Maschine ist ein unterflur angebrachter Drei-Zylinder-Dampfmotor mit Ventilsteuerung, der über eine Kardanwelle und Kegelräder die Achsen eines Drehgestells antreibt.

Schließlich geht die Reise mit dem Viceroy weiter. Da heute Sonntag ist, gibt es auch keine Probleme mit dem Berufsverkehr; wir haben die Strecke für die nächste Stunde für uns. Dies ist wichtig, da die bedeutendste Fotostelle auf der ganzen Strecke noch im Stadtgebiet von Colombo liegt: Vor dem Bahnhof Narahenpita quert die Trasse den Golfplatz von Colombo. Hier haben nicht nur die Fotografen freies Schußfeld, sondern können zudem das angestrengt desinteressierte Verhalten der Golfspieler beobachten, die sich bei der Ausübung ihres Sports von solch niederen Ereignissen wie scheinanfahrenden Dampfzügen auf keinen Fall irritieren lassen können.

Nach der Fotosession ist der nächste Halt erst wieder Homagama, etwa auf halber Strecke. Wir bekommen das Tablet für den nächsten Block zunächst sofort ausgehändigt, als aber das Wassernehmen länger dauert, verzögert sich die Weiterfahrt. Der einzige tägliche Planzug, der bis zum Streckenende in Avissawella fährt, überholt uns hier. Also müssen wir weiter 20 min warten, die Zeit die der Power-Set bis zum nächsten Bahnhof in Padukka benötigt. Unser Zugführer telefoniert vom Büro des Stationsvorstehers derweil mit seiner Frau, leider würde es heute abend später werden.

Bei der Ausfahrt aus Homagama ein Schreck: Es kracht beim Überfahren der Weichen, es rumpelt, Leute springen auf, "We're off the road!", unser Wagen, der vorletzte, ist entgleist. Einer spurtet zum Vorraum, wo das Bremsventil für die Vakuumbremse sitzt. In dem Moment überfahren wir die nächste Weiche, es kracht erneut, und dann ist Ruhe, wir sind wieder aufgegleist, wie auf der Modellbahn. Glücklicherweise passierte dies noch bei sehr geringem Tempo. Außer beschleunigtem Herzschlag ist nichts gewesen.

Draußen ist es mittlerweile dunkel. In Padukka müssen wir erneut warten, die Blockabschnitte sind recht lang, und der Planzug vor uns hält zwischendurch noch ein paar mal. Die Zeit wir genutzt, bei der Entgleisung sind anscheinend Stromversorgungskabel am Wagenübergang losgerissen worden, und müssen erst wieder befestigt werden.

Wir erwarten nun, in weniger als einer halben Stunde am Ziel zu sein, und ich spekuliere doch auf einigermaßen ausreichenden Schlaf in dieser letzten Nacht im Lande. Es soll anders kommen. Auf den letzten Kilometern vor Avissawella steigt die Strecke etwas an und folgt dem Kelani-Fluß in einem enger werdenden Tal in zahlreichen sehr engen Kurven. Die Schmalspurvergangenheit der Strecke ist deutlich erkennbar, und bei der Umspurung wurde die Trassierung nicht verändert. Für unsere Lok ist dies zuviel. Sie gerät ins Schleudern, Sand gibt es nicht, und wir bleiben liegen. Es wird nun zunächst immer wieder probiert, in geradere Bereiche zurückzusetzen, und neuen Anlauf zu nehmen, aber all diese Versuche sind zum Scheitern verurteilt.

Man könnte nun sagen, wir geben auf, schlagen uns durchs Gestrüpp zur benachbarten Straße und sehen zu, wie wir den Bus dahin kriegen. Aber das ist, vor allem am letzten Tag, gegen die Ehre. Wir schreiten stattdessen zur Trennung des Zuges. Dies ist beim Viceroy ein gewisses Problem und nicht durch Ziehen der Entriegelung der Mittelpufferkupplung allein zu bewerkstelligen. Denn neben Kupplung und Vakuumbremse sind die Wagen durch diverse Kabel verbunden, die in Klemmen verschraubt und nicht gesteckt sind. Zunächst wird im Gerätewagen der Generator abgestellt und es wird dunkel. Im Licht diverser Taschenlampen werden dann die Kabel demontiert, und schließlich ist der erste Wagen frei. Die Leute aus den anderen Wagen sind unterdessen alle in diesen Wagen umgestiegen und nach 21 Uhr erreicht Nr. 240 mit einem Wagen des Viceroy und den Fahrgästen schließlich den Endbahnhof von Avissawella. Dort steht am anderen Bahnsteig der Power-Set, der uns in Homagama überholt hat, seit zwei Stunden abgestellt für die Nacht. Im Nachhinein denke ich, es war besser, daß wir überholt wurden, als daß wir mit unseren verrückten Ideen noch mehr Leute aufgehalten hätten.

Für die Viceroy-Mannschaft war die Geschichte jetzt natürlich noch nicht zu Ende. Sie mußten nicht nur zusehen, wie sie die den Zug wieder zusammen und in die eine oder andere Richtung bewegt bekamen, sondern hatten noch ein zusätzliches Problem. Zwischen dem ersten Wagen und dem Tender hatten sich bei den Anfahrmanövern die Pufferteller verhakt, ein einfaches Abkuppeln der Lok würde nicht gehen. (In Sri Lanka verfügen die Reisezugwagen sowohl über Schraubenkupplung und Seitenpuffer, als auch über Mittelpufferkupplung. Die Dampfloks und einige ältere Dieselloks haben Schraubenkupplung, alle neueren Dieselloks und die Power-Sets Mittelpufferkupplung.)

Das etwas unplanmäßige Ende der Tour mit dem Viceroy empfinde ich als bedauerlich, hat doch die Crew in der letzten Woche keine Mühen gescheut, alle unsere Wünsche zu erfüllen und unser Programm durchzuziehen. Daß Kleinigkeiten immer mal wieder schiefgingen und Verspätungen notorisch waren, nahm niemand von uns übel. Die Leute, die bei Sri Lanka Railways arbeiten - zum Teil seit Generationen -, sind Eisenbahner aus Fleisch und Blut, die ihren Job verstehen und ernst nehmen, und die auch improvisieren können. All das merkt man und fühlt sich wohl.

Für die meisten unserer Gruppe ist die Reise hier zu Ende, morgen früh geht es zurück Richtung Europa, und heute abend noch zu einem Hotel in Flughafennähe, 90 km von hier. Für andere beginnt jetzt noch ein Erholungsurlaub in Mt. Lavinia am Strand.


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© Copyright 1999 Roland Ziegler