Reisebericht Teil 4

Nordstrecke nach Anuradhapura

 

 

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Mittwoch, 7. April

Mt. Lavinia - Colombo - Maho - Anuradhapura

Heute morgen steht kein Viceroy am Bahnsteig in Maradana, was uns nicht sehr überrascht. Die Auskunft lautet, der Zug sei zwar in Colombo bereits angekommen, aber momentan noch im Depot.

Ich versorge mich am Bahnhofskiosk zunächst einmal mit einer Zeitung. Dort wird über erste Hochrechnungen zu den gestrigen Provinzwahlen berichtet. Demnach habe die Regierungspartei eine Mehrheit in etwas über der Hälfte der Provinzen erhalten, in den übrigen Provinzen gilt die größte Oppositionspartei als Sieger. Wenig Aufregung insgesamt, von irgendwelchen Zwischenfällen steht nichts in der Zeitung.

In der Zwischenzeit rollt ein Power-Set nach dem anderen in den Bahnhof und entlädt Massen von Pendlern. Für wenige Minuten ist der Bahnsteig schwarz vor Menschen, und dann wieder praktisch leer.

Nach etwa eineinhalb Stunden wird schließlich der Viceroy bereitgestellt. Der Zugführer berichtet, man sei heute morgen gegen sechs in Colombo eingetroffen. Gestern abend habe man von Mundel aus keine Weiterfahrt mehr mit Lok Nr. 213 versucht. Es sei statt dessen eine Diesellok in Colombo zum Abschleppen angefordert worden, die gegen ein Uhr morgens in Mundel angelangt sei. Man habe während der Wartezeit und auf der Rückfahrt genügend Zeit zum Schlafen gehabt. Die gute Laune der Crew ist anscheinend nicht getrübt.

Zuglok für heute und die nächsten Tage ist Nr. 340, mit Baujahr 1945 die jüngste der erhaltenen Dampfloks. Nr. 340 ist auch eine 2'C und wurde bei Stephenson gebaut.

Unsere Reise soll heute nach Anuradhapura führen, einer der beiden antiken Hauptstädte des Landes. Die Fahrt geht zunächst über die Hauptstrecke nach Nordosten, vorbei am gestrigen Abzweig Ragama, und weiter bis zum Abzweig Polgahawela, 70 km von Colombo und am Fuße der Berge, wo wir die Hauptstrecke verlassen und auf die Nordstrecke abbiegen. Auf der jetzt wieder eingleisigen Strecke gibt es mehrere Zugkreuzungen und eine Überholung, bevor der Viceroy nach weiteren 70 km den Bahnhof Maho Junction erreicht, für einen längeren Betriebshalt mit Lokbehandlung.

In Maho beginnt die Strecke zur Ostküste, die auf dem Programm für morgen steht. Wenn auch die in den 60er-Jahren gebauten Bahnsteigdächer das Bahnhofsgebäude auf dem Mittelbahnsteig arg verschandeln, so ist Maho doch dank der ganzen Anlage und insbesondere der Pflanzenpracht wegen einer der idyllischsten Bahnhöfe im Netz.

Ich verbringe die Wartezeit - Ausschlacken, Lösche ziehen, Wasser nehmen - im Büro des Bahnhofsvorstehers und auf dem Stellwerk. Während unsere Lok behandelt wird, verkehren drei oder vier andere Züge, darunter ein Güterzug, genug, um einen Einblick in die Sicherungstechnik zu bekommen. Der Blocktelegraph der Firma Tyers mit seine Train Tablets wird an anderer Stelle ausführlicher behandelt. Im Stellwerk Nord, dem größeren der beiden, zeigt man mir Weichen-, Signal- und Fahrstraßenhebel und die Abhängigkeit der Ausfahrsignale vom Tyerschen Blockapparat. Auch die Schranken des Bahnübergangs am nördlichen Bahnhofskopf werden im Stellwerk verschlossen.

Nach nochmals 70 km erreichen wir noch bei Helligkeit Anuradhapura. Hier endet unsere Reise für heute. Auch die meisten anderen Züge enden hier, nördlich von hier beginnt das Bürgerkriegsgebiet. Bis Vavuriya, weitere 50 km von hier, wird die Strecke auch von einigen Reisezügen noch befahren, der anschließende Teil bis Jaffna soll weitgehend zerstört sein. Auch die Strecke zur ehemaligen Fähre nach Indien auf die Insel Mannar existiert nicht mehr. Im Bahnhof von Anuradhapura sollen ein paar Soldaten an der Bahnsteigsperre die Sicherheit garantieren und Anschläge verhindern. Ob ihnen das bei einem ansonsten ziemlich frei zugänglichen Gelände im Ernstfall gelingen würde, bleibt dahingestellt.

Das Miridiya Hotel liegt etwas abseits wunderschön gelegen, mit einem großen Garten direkt am See, wobei der See eine der antiken Talsperren ist, für die Sri Lanka unter Fachleuten berühmt ist. Die Ausstattung der Zimmer erfüllt zwar nicht die höchsten Ansprüche und auch die Küche ist eher einfach, aber das Hotel ist sehr ruhig und erholsam, und außer uns sind nur noch einige wenige Individualtouristen heute nach hier. Das erfrischende Bad im Pool bei einbrechender Nacht tut ein weiteres dazu, sich richtig wohl zu fühlen.

Donnerstag, 8. April

Anuradhapura - Maho - (Ostküste)

Der Vormittag ist dem Kulturprogramm gewidmet. Nicht verschwiegen werden soll, daß es einige unter den Eisenbahnfreunden gibt, die den Anblick von Ruinen eher als belastend empfinden. Dieser Personenkreis hat heute die einmalige Chance auszuschlafen. Der Rest begibt sich mit Kleinbus zu den Ausgrabungsstätten. Dort wird ein einheimischer Führer aufgetan, dessen Englischkenntnisse allerdings eher beschränkt sind. Immerhin lotst er den Fahrer zu allen wesentlichen Zielen, die auch im Reiseführer beschrieben stehen. Wie am Bahnhof ist auch hier Militär präsent. Einige Straßen sind für Autos komplett gesperrt. Die Militärposten sollen Attentate der Tamil-Tigers verhindern.

Das Gelände der antiken Hauptstadt Anuradhapura erstreckt sich über mehrere Quadratkilometer und umfaßt die Relikte alter Paläste, Klöster und Dagobas. Die Dagoba ist die Sri Lanka'sche Form der buddhistischen Pagode (Stupa), die hier durch mehrere 70 bis 80 m hohe Bauten vertreten ist. Anuradhapura war das Zentrum singhalesischer Königreiche von etwa 400 v. Chr. bis 1000 n Chr. Die heute noch vorhandenen Dagobas sind in ihrem Kern durchaus 1500 Jahre alt, wurden aber immer wieder umgebaut und restauriert. Eine dreistündige Besichtigung reicht indes nur aus, um einen Eindruck zu bekommen. Von tieferen Erkenntnissen kann zumindest bei mir auch aus Mangel an Wissen um den kulturellen Hintergrund nicht die Rede sein.

Der Viceroy steht im Bahnhof bereit. Unsere Lok, Nr. 340, ist in der Zwischenzeit gedreht worden. Lunch wird, wie an allen Tagen, an Bord serviert, diesmal jedoch bleibt der Zug währenddessen noch am Bahnsteig. Nach dem Essen wird für diejenigen, die vom Kulturangebot noch nicht gesättigt sind, die zweite antike Hauptstadt Polonnaruwa als Bustour auf dem direkten Weg angeboten. Für den Viceroy steht zwar Polonnaruwa auch als Ziel auf dem morgigen Programm, die bisherige Erfahrung mit Fahrplänen von Sonderzügen sagt jedoch, daß es wohl ein Besuch zu nachtschlafender Zeit werden könnte.

Trotzdem verzichte ich auf das weiter Kulturprogramm zugunsten einer Führerstandsmitfahrt. Die Hitze, auch ohne Dampflok schon erheblich, wird auf dem Führerstand fast unerträglich. Dazu kommt der gewaltige Lärm, den Nr. 340 entwickelt. Am Ende bin ich nicht nur durch die Temperatur erledigt, sondern auch noch halb taub. Die Gleislage erscheint aus Führerstandsperspektive recht kriminell, es kracht und schüttelt, aber das Rad-Schiene-System erweist sich wieder als ausgesprochen zuverlässig. Über einen Tacho verfügt keine der Dampfloks, der Lokführer fährt nach Gefühl und nach Anweisung des 1. Heizers. Letzterer ist ein alter Hase und dem jungen Nachwuchs-Lokführer an Erfahrung um einiges voraus.


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© Copyright 1999 Roland Ziegler