Reisebericht Teil 3

Strecke nach Puttalam

 

 

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Dienstag, 6. April

Mt. Lavinia - Colombo - Puttalam - Mundel - Mt. Lavinia

Es gießt in Strömen.

Der Bustransfer vom Hotel zum Bahnhof Colombo-Maradana geht heute morgen sehr viel schneller vonstatten als am Vorabend, der Straßenverkehr ist eher dünn. Ob es am Wetter liegt, am Wahltag oder an der damit verbundenen Ausgangssperre heute abend?

Am Bahnhof Maradana scheint jedenfalls der morgentliche Ansturm der Pendler ungebrochen. Für uns wartet der Viceroy bereits am Bahnsteig, bespannt heute mit Nr. 213, einer 2'C-Schlepptenderlok mit zusätzlichen Wasserkästen am Kessel, im englischen als Tender-Tank bezeichnet. Es ist eine Naßdampfmaschine aus dem Jahre 1922, gebaut von Vulcan in England, und die älteste der betriebsfähigen Breitspur-Dampfloks.

Wir verlassen Maradana nach Plan und bewegen uns zunächst auf der zweigleisigen Hauptstrecke bis zum Abzweig Ragama. Nach einer knappen Stunde passieren wir bei Katunayaka den internationalen Flughafen von Colombo. Hier gibt es noch einen Abzweig, der näher zum Terminal führt, aber von einem wirklichen Bahnanschluß des Flughafens kann man nicht sprechen.

Obwohl wir uns auch hinter dem Flughafen immer noch im Großraum Colombo befinden, nimmt die Gegend jetzt doch sehr ländliche Züge an. Der Regen hat etwas nachgelassen. Ausnahmsweise werden aufgrund des Wetters heute die Wagentüren während der Fahrt geschlossen.

In Bolawatta, einem kleinen Dorf nördlich von Negombo, ist Kreuzung. Und nach weiteren 20 km hört der Regen dann doch auf, aber es wird für den Rest des Tages bedeckt bleiben.

Die Strecke wird spätestens ab Chilaw, knapp 90 km von Colombo, endgültig zur Nebenbahn. In Bangadeniya, dem ersten Bahnhof hinter Chilaw, endet auch das Zugsicherungssystem der Train Tablets, das uns bisher auf den eingleisigen Strecken begleitet hat. Von hier aus bis Puttalam werden klassische Token ohne Blocktelegraph oder Signalabhängigkeit verwendet.

Puttalam ist Endpunkt für Reisezüge. Die Strecke geht zwar noch weiter, wird aber von Reisezügen nicht und von Güterzügen - mit Ausnahme eines kurzen Abschnitts bis zu einem Industrieanschluß - nur sporadisch befahren.

Der Abschnitt von Chilaw bis Puttalam wird der Plandienst, wie wir erfahren, im wesentlichen von den neuen Railbussen abgewickelt. Diese Fahrzeuge sind aus normalen Tata-Straßenbussen indischen Ursprungs umgebaut worden. Vor zwei Jahren, bei meinem ersten Besuch im Land, wurden die Prototypen gerade im Ausbesserungswerk in Ratmalana gefertigt. Inzwischen sind jene beiden ersten Busse, Heck an Heck fest gekuppelt, hier beheimatet. Für ihre Unterbringung, Betankung und Pflege ist der ehemalige Lokschuppen hergerichtet worden.

Der Viceroy ist in seiner 13-jährigen Geschichte wohl noch nie bis Puttalam gekommen. Wieder mal ist ein Dampfzug zumindest für die Kinder das Ereignis des Tages. Manche sehen und befühlen zum ersten Mal in ihrem Leben ein Stück Kohle.

Das Rangieren der Lok zur 300m entfernten Drehscheibe wird von einer begeisterten Gruppe aller Altersstufen begleitet, von denen auch einige beim Drehen der Lok mit zupacken. Die handbetriebene Drehscheibe funktioniert tadellos, sie war vorher offensichtlich überprüft worden.

Nicht geprüft worden war wohl die Betriebsbereitschaft von Wasserturm und -kran. Denn dieser stellt sich als komplett nicht funktionstüchtig heraus. Ein anderer Versuch, die am Bahnsteig befindliche Wasserversorgung für Dachbefüllung der Reisezugwagen zu nutzen, muß aufgrund der Durchlaufmenge ebenfalls als ungeeignet abgebrochen werden.

Nach etwa zwei Stunden und einigem hin und her bringt ein Traktor einen Wasseranhänger, leider ohne Motorpumpe. Daraufhin wird eine Eimerkette gebildet. Aus dem Werkstattwagen des Viceroy können drei Eimer gestellt werden, ein weiterer gehört zum Wasserwagen. Das Unterfangen, mit 10-Liter-Eimern den Tender einer Lok zu füllen, ist ein eher gewagtes, noch dazu, wenn man die nicht gerade einfachen Bewegungsabläufe berücksichtigt.

Der Railbus um 16 Uhr und der Power-Set um 17 Uhr jedenfalls fahren, anders als geplant, vor uns ab. Kurz nach fünf ist man aber dann der Ansicht, genug Wasser geschleppt zu haben, um die Rückreise ins 140 km entfernte Colombo zumindest beginnen zu können. Bis zum nächsten Bahnhof, Palavi, knappe 10 km, kommen wir auch ohne Probleme. In Palavi kommt es zu einer weiteren Eimerkette, die aus dem Feuerlöschtank im Bahnhof recht effektiv versorgt wird. Da die Handreichungen hier einfacher als in Puttalam sind, gelangt auch mehr Wasser in den Tender. Der Autor kann stolz berichten, zumindest beim Transport des Leerguts kräftig mitgeholfen zu haben. Leider ist der Löschwasservorrat endlich und nach 15 min wird die Aktion beendet.

Da noch Tageslicht ist, werden trotz knapper Wasservorräte zwei Scheinausfahrten gemacht, und weiter geht es in Richtung Süden. Nach weiteren 20 km, irgendwo im Sumpfland nahe des Mundel-Lake, halten wir auf freier Strecke. Es stellt sich heraus, daß das Wasser bereits wieder verbraucht ist. Die Lok steht auf einer Brücke über einen kleine Bach, und man ist willens, die Eimerkette erneut einzusetzen. Der zu überwindende Höhenunterschied ist hier nun noch größer als in Puttalam und es werden entsprechend mehr Leute gebraucht. Einer unserer Zugführer, der sich voll einbringt und sich vorsichtshalber erst mal seiner strahlend weißen Uniform entledigt, nimmt's mit Humor, und sagt, außerdem wäre ein solcher Einsatz seine Pflicht. Auch von den zahlenden Passagieren lassen sich einige nicht von den Gefahren des Sumpffiebers abschrecken und packen wieder mit an. Andere hingegen sind im Speisewagen zum gemütlichen Teil übergegangen und reduzieren langsam, aber sicher, die Biervorräte.

Irgendwann wird auch diese Wassereimer-Aktion beendet. Eine Verständigung mit dem nächsten Bahnhof hat es während der Wassernahme nicht gegeben. Allerdings hat man in Mundel, dem nächsten Halt, nach Rücksprache mit Palavi wohl irgend etwas ähnliches vermutet und noch keine Suchtruppe losgeschickt. Der Gegenzug, der Railbus, der um vier in Puttalam abgefahren war und inzwischen aus Chilaw zurückgekommen ist, muß derweil in Mundel ausharren. Wir treffen erst nach 19 Uhr in Mundel ein. Es erwartet uns außerdem einer der begleitenden Kleinbusse, und es wird entschieden, den Viceroy hier zu verlassen und den Rest der Rückfahrt nach Colombo auf die Straße zu verlegen. Der zweite Bus, der in Chilaw wartet, wird per Telefon auch nach Mundel beordert.

Die Mannschaft des Viceroy wird sich darum kümmern, den Zug wieder nach Colombo zu überführen, denn morgen früh soll es weiter gehen.

Die Rückfahrt auf der Fernstraße 3 dauert etwa drei Stunden, und ist bei den vorherrschenden Straßenverhältnissen eine ziemlich unbequeme Angelegenheit, kein Vergleich zur Reise im Viceroy. An den Straßensperren, die rund um Colombo dichter werden, werden wir von den Soldaten auch heute nicht angehalten. Die Überwachung der mittlerweile in Kraft getretenen Ausgangssperre ist wohl Sache der Polizei, aber sonderlich ernst scheint dies niemand zu nehmen. Wir profitieren jedoch wieder vom wenigen Verkehr. Im Hotel, wo glücklicherweise auch nach 23 Uhr noch etwas zu essen bereitsteht, müssen wir lediglich aufs Bier verzichten: Am Wahlabend darf kein Alkohol ausgeschenkt werden.


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© Copyright 1999 Roland Ziegler